DER PSYCHOEDUKATIVE ANSATZ [Luigi Boscolo]
Für schizophrenes Verhalten werden heute unterschiedliche
Behandlungen vorgeschlagen. Eine der vorgeschlagenen Behandlungen ist
die psychoedukative Methode. Aus Gründen der Vereinfachung
werden hier unter diesem Terminus sowohl die Vorgehensweisen von
Anderson et al. (1986) verstanden, als auch die Vorgehensweisen, die
auf leicht abgewandelten Modellen beruhen, aber alle darin
übereinstimmen, den Familien bestimmte Informationen zukommen zu
lassen und das Management des schizophrenen Indexpatienten zu
verbessern (Falloon et al. 1985; Berkowitz et al. 1984).
Wenn wir den psychoedukativen Ansatz aus systemischer Perspektive
betrachten, kommen wir nicht umhin, diesem gegenüber sehr
skeptisch zu sein. Der psychoedukative Ansatz kann ausgesprochen
gefährlich sein. Er kann insbesondere dann gefährlich sein,
wenn er bei akuten Fällen und ersten schizophrenen Episoden
angewandt wird. Wenn er sofort nach der ersten stationären
Einweisung angewendet wird, kann er einen außerordentlich
negativen Einfluss im Sinne der Ausgestaltung einer chronischen
Entwicklung haben. Diesen Einfluss gewinnt der psychoedukative
Ansatz besonders dadurch, dass er in die Familien sehr mächtige
Ideen über die Diagnose der Schizophrenie und der damit
verbundenen Prognose einführt. Diese Ideen schaffen in der Folge
die Realität einer unabwendbaren und chronischen Krankheit. Der
psychoedukative Ansatz heftet der gestörten Person sofort ein
Etikett an und unterstützt damit den Beginn einer Karriere als
Schizophrener. Genau in die diametral entgegengesetzte Richtung
geht jede von der Mailänder Schule* entwickelte Intervention.
Indem der psychoedukative Therapeut das Wort "Schizophrenie"
unter Aufwendung seiner ganzen fachlichen Autorität in die Familie
einführt, bringt er gefährliche Erwartungen und Resignation hervor.
* Anmerkung des Herausgebers: Unter dem Oberbegriff
der Mailänder Schule lassen sich inzwischen einige Teams
subsummieren: Ursprünglich bestand die Mailänder Gruppe bis
etwa zum Jahre 1980 aus Mara Selvini Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco
Cecchin und Guiliana Prata. 1980 trennte sich von diesem Team Luigi
Boscolo und Gianfranco Cecchin. 1982 gründete Mara Selvini Palazzoli
zusammen mit Guiliana Prata das "Nuovo Centro per lo Studio della
Famiglia", dem in der Folge auch andere Teammitglieder angehörten
(Stefano Cirillo, Matteo Selvini und Anna Maria Sorrentino). 1985 trennte
sich Guiliana Prata von dieser Gruppe und gründete das "Centro
di Terapia Sistemica e di Ricerca".
80
Es kann jedoch auch eingeräumt werden, dass dieses Modell bei
chronischen Fällen, die eine lange Geschichte von vielen
Klinik-Einweisungen und mehreren Jahre psychotischen Verhaltens
hinter sich haben, seine Nützlichkeit haben mag. Wenn schon
vieles vergeblich versucht worden ist, kann man auch eine Art
"intramuraler" Behandlung der Schizophrenie versuchen: man
kann im Hause der Familie ein kleines Irrenhaus organisieren, um die
Symptomatik des Patienten zu kontrollieren.
Darüber hinaus muss die Frage der Zweckmäßigkeit
des psychoedukativen Ansatzes zusammen mit dem Problem der Diagnose
gesehen werden. Die psychiatrische Diagnose ist trotz vieler
Anstrengungen kein "objektiver" Befund, sondern hängt
weitgehend von dem Behandler ab, der eine Diagnose formuliert. Die
Studien von Kendell (1975) zeigen dies eindrücklich. Aber nicht
nur das: Die von einem Therapeuten erstellte Diagnose tendiert mit
der Zeit dazu, schlechter zu werden, wenn dieser Therapeut nicht in
der Lage ist, eine therapeutische Veränderung zu erreichen. So
war vor etwa 20 Jahren in den USA die Diagnose "pseudoneurotische
Schizophrenie" weit verbreitet. Häufig ließ sich
beobachten, dass ein Fall, der zunächst als "Neurose"
oder "neurotischer Charakter" diagnostiziert worden war,
nach einiger Zeit in die Kategorie "pseudoneurotische
Schizophrenie" eingeordnet wurde. Dies geschah meist dann, wenn
die eingesetzten therapeutischen Maßnahmen nur spärliche
oder keine Ergebnisse erbracht hatten und man weiterhin psychotisches
Verhalten beobachtete. Wenn in der Klinik dieses Verhalten persistierte
und sich die Persönlichkeit nicht schnell genug wieder fasste,
verwandelte sich die Diagnose schnell in "Schizophrenie".
In diesem Zusammenhang ist die von D. L. Rosenhan (1985)
beschriebene Studie interessant, in der einige Psychologen und
Psychiater, die den Prozess der Diagnoseerstellung untersuchten, sich
in verschiedene psychiatrische Anstalten einweisen ließen und
alle über dasselbe verrückte Symptom klagten: Sie hörten
eine Stimme. Alle erhielten ohne Unterschied die Diagnose
"Schizophrenie". Kein Psychiater bemerkte, dass sie
nicht schizophren waren. Die einzigen, die eine gewisse
Überraschung und Verwunderung zeigten, waren die hospitalisierten
Patienten, die irgendeinen "Unterschied" zwischen sich und den
Forschern bemerkten: Eine Atmosphäre des "Nicht-Wahnsinns".
Diese Atmosphäre lässt sich als die Umkehrung der ...
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[Arnold Retzer, Gunthard Weber]
... muss also überall und immer notwendig erkrankt sein, wo
Irresein vorhanden ist? - Die Antwort auf diese Frage ist die erste
Voraussetzung der ganzen Psychiatrie. Zeigen uns physiologische und
pathologische Tatsachen, dass dieses Organ nur das Gehirn sein kann,
so haben wir vor Allem in den psychischen Krankheiten jedes mal
Erkrankungen des Gehirns zu erkennen." (Griesinger 1845, S.1)
Jetzt, 140 Jahre nach Erscheinen dieses Buches, werden "Entdeckungen"
zur Ätiologie des "Irresein" in einer Serie
"weltweiter Sensationen" in Journalen und Magazinen
verkündet: Eine Forschergruppe an der Universität London
(Sherrington et al. 1988) glaubte in einer Untersuchung von sieben
Familien ein Gen auf dem Chromosom Nr. 5 entdeckt zu haben, das zur
Schizophrenie prädisponiert. Eine andere Gruppe in den USA (Egeland
et al. 1987) glaubt das prädisponierende Gen für manisch-depressive
Psychosen auf dem kleinen Arm des Chromosom Nr. 11 entdeckt zu haben. Die
Ergebnisse beider Studien mussten inzwischen zurückgenommen oder
relativiert werden (Davies 1989, Kelsoe et al. 1989, Robertson 1989).
Etwa zur gleichen Zeit kommt Joseph Zubin, der Erfinder des
Vulnerabilitäts-Modells der Schizophrenie (Zubin und Spring
1977), zu der ernüchternden Erkenntnis, "dass wir bezüglich
Ätiologie abgrundtief unwissend sind" (Zubin 1989, S.14).
Allerdings unterbreitet er sogleich angesichts der Tatsache, dass nach
wie vor das Ätiologieproblem ungelöst ist, den nächsten
Lösungsvorschlag, nämlich, "an die Stelle unserer
ätiologischen Unkenntnis die bisher entwickelten wissenschaftlichen
Modelle über die vermutete Ätiologie zu setzen" (a. a. O.).
Wir nehmen in unserer Erörterung psychotischen Verhaltens
angesichts dieser verwirrenden Situation folgenden Standpunkt ein:
Auch wir wissen nicht, was die Ursachen der "endogenen
Psychosen" sind. Wir fühlen uns dadurch jedoch nicht zu
therapeutischem oder wissenschaftlichem Nihilismus verurteilt. Da es
(zur Zeit) unentscheidbar zu sein scheint, was die Ursachen
psychotischen Verhaltens sind oder wo danach zu suchen sei, nehmen
wir uns die Freiheit und die Verantwortung, selbst zu entscheiden,
was, wie und wo wir beobachten.
Allerdings kann schon die Frage der Ursache nicht voraussetzungslos
gestellt werden. Kausalität existiert streng genommen nur im
Kontext des Interesses eines Beobachters, seines Interesses, Ordnung
in die Vielfalt der Tatsachen zu bringen. Ordnung, die ein Beobachter
beispielsweise herstellen kann, indem er sein Netz der Kausalität
über die Tatsachen wirft. Ordnung kann ein Beobachter auf zwei
verschiedene Weisen in die Tatsachen bringen (vgl. Retzer 1989):
a) durch Beschreibung von Mustern, die durch funktionale
Verknüpfungen von Tatsachen hergestellt werden,
b) durch Erklärung der Entstehung der einen Tatsache aus
einer anderen über einen verursachenden Mechanismus.
Die erste Art und Weise der beobachtenden Herstellung von Ordnung ist
die von uns praktizierte, die zweite ist die beobachtende Ordnungserzeugung
durch das Kausalitätsprinzip, dessen absolute Gültigkeit
und Notwendigkeit wir, ähnlich wie es Bertrand Russell tut, in
Frage stellen: "Zweifelsohne ist der Grund, weshalb das altbekannte
Kausalitätsprinzip die Bücher der Philosophen seit so langer
Zeit durchgeistert, einfach der, dass die Idee einer Funktion den meisten
von ihnen unbekannt ist und sie deshalb nach einer ungebührlich
vereinfachten Darstellung suchen... auch das Kausalitätsprinzip ist
ein Relikt einer vergangenen Zeit, das, wie die Monarchie, nur deshalb am
Leben geblieben ist, weil man es irrtümlicherweise für
unschädlich hält" (Russell 1912/13).
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Wir haben uns entschieden, interaktionelle, kognitive und
affektive Muster in Familien mit einem psychotischen Mitglied zu
beobachten und zu beschreiben, Muster, die sich im individuellen
Verhalten des psychotischen Familienmitgliedes, in den Interaktionen
innerhalb seiner Familie und nicht zu letzt auch in den Interaktionen
zwischen dem Patienten, bzw. seiner Familie und möglichen Therapeuten,
Beratern oder Helfern zeigen. Die folgenden Beschreibungen basieren auf
Erfahrungen im therapeutischen Umgang mit diesen Familien*.
Unsere Musterbeschreibungen sind keine handlungsabstinenten
Modelle, sondern Ergebnis von und gleichzeitig Anleitung zu
therapeutischem Handeln. Die Legitimation solchen Handelns leitete
sich zunächst von der Beobachtung ab, dass psychotisches
Verhalten im Kontext der zu beschreibenden Muster auftritt und Teil
dieser Muster ist, bei Veränderungen dieser Muster jedoch auch
verschwinden kann. Die therapeutischen Handlungen, die unseres Erachtens
Veränderungen dieser Muster anstoßen können, werden an
anderer Stelle ausführlich dargestellt (Weber und Retzer 1991).
MUSTER DER BESCHREIBUNG
Zwei Beschreibungsebenen, die sich überschneiden und wechselseitig
bedingen, sollen hier diskutiert werden. Diese Ebenen sind die Zeitorganisation
und die Beziehungsrealität in Familien mit psychotischem Verhalten. ...
* Diese Erfahrungen konnten wir im Rahmen eines
mehrjährigen Forschungsprojektes machen, über das an
anderer Stelle schon berichtet wurde (Stierlin et al. 1986, Weber et
al. 1987, Simon et al. 1989, Retzer et al. 1989). Die Mitglieder der
Forschungsgruppe sind: A. Retzer, G. Schmidt, F. B. Simon, H.
Stierlin, G. Weber.
99

... Die dritte Spalte stellt die Rückfall-Raten-Differenzen
zwischen den beiden Rückfall-Raten vor und nach Familientherapie
dar und gibt damit ein Maß für die individuelle auf den
Fall bezogene Entwicklung der Rückfall-Raten in der Zeit an.
Eine positive Rückfall-Raten-Differenz stellt dabei eine
Abnahme der Rückfall-Raten dar, eine negative Differenz eine
Zunahme und eine Rückfall-Raten-Differenz von 0,000 eine
gleichbleibend konstante Rückfall-Rate. Damit zeigen sich 23
Fälle (76,67%) als gebessert, 2 Fälle (6,60%) als unverändert
und 5 Fälle (16,67%) als nach Familientherapie verschlechtert.
In der letzten Spalte schließlich werden die Fälle der
Gesamtstichprobe entsprechend der Rückfall-Raten-Differenzen in
eine Rangreihe gebracht, die es ermöglicht, für
Untersuchungen des Therapieprozesses Teilgruppen an Hand der
Veränderungsvariable Rückfall-Raten-Entwicklung zu bilden.
Tabelle 3 und Abbildung 1 zeigen bei unterschiedlichen
Ausgangs-Rückfall-Raten in der Gesamtstichprobe und den beiden
diagnostischen Subgruppen eine deutliche Reduktion der
Rückfall-Raten, die für alle drei gebildeten Gruppen
signifikant bis hoch signifikant ist.
Die Gruppe der schizoaffektiven Psychosen zeigt das größte
Ausmaß an Rückfall-Raten-Reduktion (fast 90%). Die Gruppe
der manisch-depressiven Psychosen fast 70% Rückfall-Raten-Reduktion.
Tab. 3
Übersicht der
Rückfall-Raten-Mittelwerte, vor und nach Familientherapie, deren
prozentuale Reduktion nach Familientherapie in der Gesamtstichprobe,
der Subgruppen der manisch-depressiven Psychosen (MDP) und der
schizoaffektiven Psychosen (SAP):
| Subgruppe | Vor | Nach |
%-Reduktion | Signifikanz * der Mittelwertunterschiede |
| Gesamt | 1,4948 | 0,3350 |
77,59 | p<0,0005 |
| MDP | 1,2456 | 0,4008 |
67,82 | p<0,025 |
| SAP | 1,9933 | 0,2033 |
89,81 | p<0,005 |
* t - Test zur Prüfung des
Mittelwertunterschiedes zweier abhängiger Stichproben.
122
Zusammenfassend lässt sich sagen: In einem Beobachtungszeitraum
von durchschnittlich etwa drei Jahren nach Abschluss der Familientherapien
und einer durchschnittlichen Anzahl von 6,6 Familiengesprächen,
beobachteten wir eine Reduktion der stationären Rückfall-Raten
um 67,82% bei den "manisch-depressiv" und um 89,81% bei den
"schizoaffektiv" diagnostizierten Patienten.
Für weitere Informationen, beispielsweise zur Psychopharmaka
Verordnung vor und nach der systemischen Familientherapie weisen wir
auf die erste Veröffentlichung unserer Studie hin (Retzer et al.
1989). Hier sei nur soviel gesagt, da es darüber gelegentlich
Missverständnisse zu geben scheint (vgl. Wynne 1991), dass die
Ergebnisse den Schluss nahe legen, dass die im Katamnese-Zeitraum
beobachteten Veränderungen nicht durch Psychopharmaka Wirkungen
zu erklären sind. ...
123

[Kurt Hahlweg et al.]
... Ca. 23% aller Patienten machten nur eine Episode durch und
hatten keine weiteren Einschränkungen. Etwa 37% hatten einige
soziale Anpassungsprobleme und ca. 44% der Patienten hatten mehrere
Episoden mit deutlicheren sozialen und persönlichen
Einschränkungen. Dies ist der über fünf Jahre hinweg
zu erwartende Verlauf, wenn die Patienten der üblichen
psychiatrischen psychopharmakologischen Behandlung unterzogen werden.
Interessanterweise scheint nun dieser beschriebene Verlauf
kulturabhängig zu sein. Zwar ist die
Auftretens-Wahrscheinlichkeit über verschiedene Kulturen und
Rassen hinweg gleich, der Verlauf dagegen ist sehr unterschiedlich.
Die folgenden Daten aus der "International Pilot Study of
Schizophrenia" der WHO (Satorius et al. 1974) macht dies deutlich.
In dieser Studie wurden die Patienten über zwei Jahre
prospektiv* untersucht und in ihrer Entwicklung bezüglich
sozialer Anpassung, Symptomatik und Rückfall beurteilt. Entlang
der Dimension "gute schlechte Entwicklung" wurde jeder
Patient auf einer fünfstufigen Skala klassifiziert. Die
Ergebnisse zeigen, dass etwa 40% der Patienten in Entwicklungsländern
einen sehr guten Verlauf haben im Unterschied zu nur etwa 15% der
Patienten in industrialisierten Ländern. Die Verläufe in
Ländern der Dritten Welt sind durchweg sehr viel günstiger
als in Industrieländern. Bei ca. 25% der Patienten ist der
Verlauf jedoch sehr schlecht, hier gibt es keine Unterschiede
zwischen Entwicklungs- und Industrieländern. ...
* Anmerkung des Herausgebers: "Prospektive
Studien" oder auch "Kohortenstudien" bezeichnen in der
Epidemiologie Studien, in denen eine definierte Stichprobe von
Personen systematisch beobachtet wird, wobei alle Mitglieder der
beobachteten Stichprobe gegenüber einem definierten Faktor
exponiert sind (beispielsweise Zigarettenraucher, wenn Rauchen als
Einflussgröße auf die Entstehung von Lungenkrebs
untersucht werden soll). Diese Stichrobe soll als Zufallsstichprobe
aus der Gesamtheit aller Exponierten (also beispielsweise aller
Raucher) gebildet werden. Der so gebildeten Stichprobe oder "Kohorte"
wird eine Vergleichsgruppe gegenübergestellt, die in möglichst
vielen Merkmalen mit der Kohorte übereinstimmt, jedoch nicht in
dem definierten Faktor (also z.B. Zigarettenrauchen). Über einen
angemessenen Zeitpunkt werden beide Gruppen in regelmäßigen
Abständen untersucht, um das Auftreten von Erkrankungen
festzustellen. Durch dieses Verfahren der prospektiven Studie lässt
sich nun die Krankheitsinzidenz in den zugrunde liegenden
Populationen von Exponierten und Nicht-Exponierten schätzen.
175

FRÜHINTERVENTION ALS PRÄVENTION DER
SCHIZOPHRENIE
[Ian R. H. Falloon]
... Die verhaltensorientierte Familientherapie hat sich auch als
präventive Maßnahme nach schweren Episoden der Krankheit
bewährt. Man kann davon ausgehen, dass der gleiche
Behandlungsansatz, eingesetzt in der Prodromalphase der schizophrenen
Initialepisode auch den eigentlichen Ausbruch der Schizophrenie
verhindern kann. Eine entsprechende Studie läuft seit etwa fünf
Jahren in einer epidemiologisch definierten Population von
Jugendlichen und Erwachsen in Buckingham. Vorläufige
Ergebnisse weisen auf eine Reduktion um den Faktor zehn im jährlichen
Auftreten neuer Fälle von Schizophrenie hin: von 7,4 auf 0,75
pro 100 000 Einwohner. Die Größenordnung dieses
Präventionseffekts legt die Vermutung nahe, dass auch bei der
akuten Schizophrenie eine Vorbeugung möglich ist. Damit ist die
Situation vergleichbar der bei der Früherkennung von Brustkrebs,
die, in Verbindung mit einer gezielten Intervention, die Entwicklung
eines malignen Carcinoms verhindern kann.
DIE ZUKÜNFTIGE ENTWICKLUNG
Mehrere Kontrollstudien über verhaltensorientierte
Familientherapie sind zur Zeit in Arbeit. Eine Serie voll Studien
wird derzeit in einem Gemeinschaftsprojekt in den Vereinigten
Staaten, eine weitere in München, durchgeführt, Sie sollen
die Wechselwirkung zwischen der Behandlung mit Neuroleptika und
verhaltensorientierter Familientherapie erfassen. Man vermutet, dass
zumindest einige Patienten durch ein effektives Management bereits
mit sehr niedrigen Dosen oder möglicher weise ganz ohne
Psychopharmaka wiederhergestellt werden können.
Eine weitere Studienreihe überprüft die Wirksamkeit voll
verhaltensorientierter Familientherapie bei einem Einsatz in
standardisierten klinischen Settings. Damit werden auch die Probleme
angesprochen, die bei der Therapeutenausbildung und der Ausübung
familienorientierter Behandlungen in vielen psychiatrischen
Einrichtungen auftreten. Diese Untersuchungen in Sidney, Southampton,
Bournemouth, Tottenham (London) und Providence (Rhode Island) lassen
ebenso wie die Buckingham-Studie erkennen, dass Therapeuten schnell
für die Ausübung dieses Behandlungsansatzes ausgebildet werden
können, und die Ergebnisse den gleichen Trend zeigen wie die
38
der Kontrollstudien. Die wesentlichen Einschränkungen dieses
Ansatzes scheinen in den praktischen Schwierigkeiten zu liegen, in
Institutionen der Erwachsenenpsychiatrie mit Familien zu arbeiten.
Mehrere transkulturelle Studien über verhaltensorientierte
Familientherapie sind in Arbeit. Die Handbücher sind inzwischen in
viele Sprachen übersetzt worden, unter anderem griechisch, spanisch
(mexikanisch und kastilisch), deutsch, schwedisch, französisch und
australisch. Der Grundansatz bleibt unverändert, wenngleich
ständig Verfeinerungen vorgenommen werden, um die Methode zu
optimieren. Gegenwärtig besteht die Ausbildung aus 15 Stunden Teilnahme
an Workshops und anschließender sechsmonatiger Fallsupervision. ...
39

SCHLUSSFOLGERUNGEN
SPIEGEL 41/99 MEDIZIN Seite 337
Falsche Therapie von Magengeschwüren
Vor 16 Jahren erkannten australische Ärzte, dass Bakterien
vom Typ Helicobacter pylori für die meisten Magen- und
Zwölffingerdarmgeschwüre verantwortlich sind. Seit knapp
einem Jahrzehnt gilt die Bekämpfung dieser Erreger mit Hilfe von
Antibiotika als anerkannte, auf Dauer wirksame und kostengünstige
Therapie dieser Leiden. Deutschlands Allgemeinärzte und
Internisten jedoch, so eine Studie des Frankfurter Instituts für
medizinische Statistik, wenden diese Therapie nur bei jedem vierten
bis sechsten in Frage kommenden Patienten an. Rund zwei Drittel der
Ärzte halten sich nicht an die Empfehlung der Deutschen
Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechsel-Krankheiten, die
eine nur eine Woche dauernde Behandlung mit drei unterschiedlichen
Medikamenten vorschlägt. Die Mediziner scheinen überholte
Behandlungsformen vorzuziehen: Diese garantieren ihnen, dass die
Patienten mit ihren Magenbeschwerden immer wieder kommen. |
Kompetenz kann man nur leugnen
Ithaca. Gegen Dummheit kämpfen selbst die Götter
vergebens, lässt ein Sprichwort glauben. Gegen Inkompetenz
auch besagen neuste psychologische Erkenntnisse von David Dunning,
Forscher an der amerikanischen Cornell University. Der
Wissenschaftler hat festgestellt, dass inkompetenten Menschen ihr
fehlendes Wissen meist gar nicht bewusst ist. Dunning hat Tests
durchgeführt, bei denen die Versuchspersonen logische,
grammatische und humorvolle Fragen lösen sollten. Danach
schätzten sie ihre eigenen Antworten ein. Diejenigen, die ihre
Qualität gering einstuften, waren häufig die kompetenteren
Menschen. Wessen Antworten meistens falsch waren, hat sich
vielfach zu den Besten gezählt. |
Alter von Hirn-Chemie abhängig
Brookhaven. Im Alter werden wir schusselig und vergesslich -
Symptome, die jeder kennt. Aber keiner weiß, warum das so
ist. Nora Volkow vom Brookhaven National Laboratory vermutet, dass
der Verlust eines chemischen Botenstoffes im Gehirn, des Dopamins,
verantwortlich ist. Im "American Journal of Psychiatry"
schreibt Volkow: "Dopamin ist ein Stoff, der die Kommunikation
zwischen den verschiedenen Zonen des Gehirns steuert, besonders die,
die mit Bewegung, Kognition, Motivation und Belohnung zu tun haben."
Kognition kann hierbei als Gedächtnis und Lernfähigkeit
verstanden werden. Bei 37 gesunden Versuchspersonen haben die
Wissenschaftler bestätigt: Altern hängt mit dem
Dopamin-Verlust zusammen. Die Hirnfunktionen lassen nach. Jetzt
wollen die Forscher herausfinden, ob man diesen Prozess mit
Medikamenten aufhalten kann. |
Paul Watzlawick
Wie wirklich ist die Wirklichkeit (Seite 92)
Im Rahmen eines vor Jahren im Mental Research Institute
durchgeführten Experiments fragten wir den Gründer und ersten Direktor
unseres Instituts, den Psychiater Don D. Jackson, der ein international bekannter
Fachmann auf dem Gebiet der Psychotherapie der Schizophrenien war, ob er es uns
erlauben würde, ihn bei einem Erstinterview mit einem paranoiden Patienten
zu filmen, dessen Wahnvorstellung hauptsächlich darin bestand, ein klinischer
Psychologe zu sein. Dr. Jackson war einverstanden, und unser nächster Schritt
war, einen klinischen Psychologen, der sich ebenfalls mit der Psychotherapie von
Psychosen befaßte, zu fragen, ob er willens sei, sich in einem Erstinterview mit
einem paranoiden Patienten filmen zu lassen, der glaubte, ein Psychiater zu sein. Auch
er sagte zu. Wir brachten die beiden dann in einer Art Supertherapiesitzung
zusammen, in der beide Doktoren prompt darangingen, die »Wahnvorstellung« des anderen
zu behandeln. Für die Zwecke unseres Experiments hätte die Situation kaum
perfekter sein können: Dank ihres Zustands von Desinformation verhielten sich
beide zwar individuell durchaus richtig und »wirklichkeitsangepaßt«
- bloß daß eben dieses richtige und wirklichkeitsangepaßte
Verhalten in der Sicht des anderen ein Beweis von Geistesstörung war. Oder
anders ausgedrückt: Je normaler sich beide verhielten, desto verrückter
schienen sie in den Augen des Partners. - (Leider ging der Versuch nach wenigen
Minuten schief da sich der Psychologe plötzlich daran erinnerte, daß es
in Palo Alto tatsächlich einen Psychiater namens Jackson gab, und er verwendete
daher die günstige Gelegenheit, seine beruflichen Probleme gratis mit einem
wirklichen Fachmann zu erörtern; was Dr. Jackson wiederum in der Annahme
bestärkte, daß es sich um einen zwar voll remitierten Patienten, aber
eben doch einen Patienten handeln mußte.) |